Ohne die Erfahrungen mit den Gewächshäusern wären so spektakuläre wie richtungsweisende Bauten wie Joseph Paxtons Londoner Glaspalast von 1851 nicht möglich geworden. Schließlich hatte auch Paxton sich sein konstruktives Wissen beim Bau von Pflanzenhäusern erworben, von denen heute allerdings nicht mehr allzu viel erhalten ist.
Noch vor Paxton erarbeitet John Claudius Loudon, wie dieser ein gelernter Gärtner, die wesentlichen Grundlagen zum Bau der Gewächshäuser. In zahlreichen Schriften und Studien setzt er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit deren idealen »Eigenschaften« auseinander, wobei er allein von den Bedürfnissen der Pflanzen ausgeht. Um ein Maximum an Licht in den Innenraum zu lassen, fordert Loudon, den Anteil der Konstruktion eines Glashauses so gering und deren einzelne Elemente so schlank wie möglich zu halten. Darüber hinaus entwickelt er die für die Pflanzenhäuser seiner Zeit so prägende »kurvenlineare Form«. Er bezieht sich damit auf Ideen von Sir George Mackenzie, der 1815 in einem Vortrag vorschlägt, die Außenhaut eines Gewächshauses parallel zum Gewölbe des Himmels auszurichten und somit zum Lauf der Sonne, damit sowohl bei der hoch stehenden Sommersonne als auch im Winter der größte Teil der Strahlen senkrecht auf die Glasscheiben fällt und der Anteil des reflektierten Lichts möglichst gering bleibt.
Loudons Prinzipien führen in ihrer Konsequenz zu jenen dynamisch und zeitlos wirkenden Glashausformen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wir heute am meisten bewundern. Später, als die Architekten immer mehr Einfluss auf den Bau der Glashäuser erlangen und die Stilvorstellungen ihrer Zeit mit einbringen, verlieren diese weitgehend ihre klaren Formen. Mit Bild und Text (und in durchaus subjektiver Auswahl) werden nachfolgend einige der eindrucksvollsten Glashäuser vorgestellt.
Beinahe verloren liegt das kleine, steil gewölbte Palmenhaus in den riesigen Gartenanlagen von Bicton Gardens im Südwesten Englands, nahe dem Meer. Wer am Parkeingang nach dem »alten Glashaus« fragt, wird zunächst zu jüngeren und weit weniger spannenden Wintergärten geschickt. Nicht einmal dem Personal scheint die technische Raffinesse ihres versteckten Schatzes bewusst. Denn der nur 21 Meter lange und gut 8 Meter hohe Wintergarten, der nordseitig von einer massiven Ziegelwand begrenzt wird, ist das einzig erhaltene Exemplar jener frühen Spezies von Gewächshäusern, die das zerbrechliche Material Glas nachweislich auch zur Aussteifung der Gesamtkonstruktion heranziehen. Das Ergebnis ist ein entmaterialisiertes Gebilde, das gegen den Himmel betrachtet nur noch als filigranes Netz erscheint. Dieses besteht aus ausgesprochen schlanken Eisensprossen, die das ausschließlich auf Druck belastete Glasgewölbe tragen. Die transparente Hülle selbst setzt sich aus kleinen, an ihrer Unterseite 18 cm breiten, überlappenden Schuppen zusammen, die es ermöglichen, eine gleichmäßige Krümmung ausschließlich mit ebenen Scheiben zu erreichen. Doch die einzelnen, von Hand geformten Glastafeln sind dabei nicht wirklich glatt. Vielmehr nimmt ihre Dicke zum Rand hin zu, um das herabfließende Wasser von den korrosionsempfind-lichen Eisensprossen fernzuhalten. Weder das genaue Baujahr noch der Entwerfer dieser technischen Minimalstruktur, die vermutlich ohne das Zutun von Architekten entstand, sind uns heute bekannt. Experten gehen aber davon aus, dass das eigenwillige Glashaus schon bald nach 1820 entstanden ist. Ebenso sprechen einige Indizien dafür, dass Loudon selbst an seiner Konzeption beteiligt war.
Mit seiner massiven Speicherwand im Norden und den kugelförmigen Geometrien nach Süden, seiner Leichtigkeit und Transparenz kann man das bescheidene Gewächshaus in Bicton Gardens als verkleinerten Prototyp zu dem bis heute wohl bekanntesten Palmenhaus sehen. Dieses befindet sich im königlichen botanischen Garten in Kew, westlich von London in einer Schleife der Themse gelegen.
Entworfen wird die knapp 110 Meter lange, 1848 fertiggestellte Konstruktion aus Guss- und Schmiedeeisen von dem Dubliner Ingenieur Richard Turner zusammen mit dem Londoner Architekten Decimus Burton, wobei an Konstruktion und Gestalt Forschungen zufolge der innovative Turner zweifellos den weitaus größeren Einfluss hat. Schon Zeitgenossen sehen in ihr eines der weltweit eindrucksvollsten und schönsten Gewächshäuser, das mit »seinen anmutigen Linien und vortrefflichen Proportionen so ansprechend für das Auge ist, wie es eine Struktur aus Glas und Eisen nur sein kann.«1
Doch kann diese Äußerung die heute so beeindruckende Filigranität und Transparenz meinen? Schließlich besitzt die ursprüngliche Verglasung – wohl aus aus Gründen des Sonnenschutzes – einen starken grünlich-braunen Farbton und wird erst bei der jüngsten Totalsanierung in den 1980er-Jahren in das nun vorhandene klare Weißglas ausgetauscht. Somit zeigt das große Palmenhaus in Kew Garden heute auf jeden Fall eine vollkommen entmaterialisierte Hülle, in der sich je nach Blickpunkt das Licht spiegelt oder aber hindurchscheint. Auch das Tragwerk ist ausgesprochen reduziert und so weit wie möglich in die Ebene der Glashaut gelegt. Dadurch bleiben auch von innen gesehen die Großformen ungebrochen erhalten. Eindrucksvoll führt Kew Garden aber auch vor Augen, welcher Aufwand und welch ausgeklügelten Konzepte seinerzeit zur Beheizung zum Einsatz kamen. Denn unter dem Mittelbau befand sich ursprünglich eine unterirdische Heizanlage mit zwölf Kesseln, deren Rauch über einen 170 Meter langen Tunnel in einen entfernt stehenden Kamin geleitet wird. Gleichzeitig diente der unterirdische Schacht für die Zufuhr der Kohle.
Der für die großen Palmen vorgesehene 20 Meter hohe Mittelbau enthält auf halber Höhe eine umlaufende Galerie, die über zwei Wendeltreppen zu erreichen ist. Die filigranen Brüstungen dieser Balkone, die Treppengeländer sowie die Stützenkapelle sind dabei mit repetitiven Ornamenten aus Eisenguss verziert, die der ansonsten technisch klaren Konstruktion ihren besonderen Charme verleihen.
Mit seiner Beschränkung auf rein geometrische Formen weist das große Palmenhaus eine Eleganz und Leichtigkeit auf, wie sie spätere Glashäuser kaum mehr erreichen. Das zeigt sich auch im Vergleich mit dem nur rund zehn Jahre jüngeren »Temperate House« in Kew, dem Gewächshaus für gemäßigtes Klima, das Decimus Burton ohne den Eisenkonstrukteur Turner in Anlehnung an die in der Architektur damals üblichen klassischen Stile entwirft. Das Haus mit annähernd doppelter Grundfläche, aufgelöst in einen mächtigen Mittelbau und zwei, jeweils durch einen achteckigen Pavillon verbundene Seitenflügel, wirkt nicht nur wegen seines reichhaltigen Zierrats viel mächtiger und schwerer. Auch die technische Raffinesse von Eisen und Glas kommt hier weit weniger zur Geltung.
An konstruktiver Finesse mangelt es Kibble Palace, 1872 in Glasgow eingeweiht, nicht. Als »der späte Höhepunkt in der Entwicklungsreihe der Filigrankonstruktionen aus Glas und Eisen«2 schöpft das Glashaus auf radikale Weise die technischen Möglichkeiten seiner Zeit aus, mit seiner enormen strukturellen Klarheit und seinen schnörkellosen Formen zeigt es sich nicht minder eindrucksvoll als das große Palmenhaus in Kew. Gleichzeitig demonstriert der »Systembau« mit seiner eigenen Entstehungsgeschichte die besonderen Möglichkeiten einer auf vorgefertigten Elementen beruhenden modularen Bauweise. Denn das Glashaus, das ursprünglich auf dem Grundstück seines Erbauers John Kibble in Coulport House am Ufer des Loch Long befand, konnte seinerzeit ohne Mühe zerlegt, per Schiff in das etwa 60 Kilometer entfernte Glasgow gebracht und dort in deutlich vergrößerter Form wiederaufgebaut werden.
Der Exzentriker Kibble, der aus einer wohlhabenden schottischen Kaufmannsfamilie stammt und sich als Erfinder und Selfmade-Ingenieur betätigt, hatte der Stadt Glasgow zuvor einen Deal unterbreitet: Er überlässt ihr kostenlos seinen Wintergarten, wenn er nur 20 Jahre lang alle damit generierten Einnahmen bekommt. Denn als »Crystal Art Palace« wird das Haus, obwohl im Botanischen Garten errichtet, zunächst als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen und Vorträge genutzt. Auch der neue Rektor der Universität Glasgow veranstaltet hier seine Antrittsfeier mit mehr als 4000 Gästen. Die spätere Umnutzung zum Gewächshaus ist allerdings von vornherein eingeplant.
John Kibble hat seinen Glaspalast vermutlich selbst entworfen und mit der bekannten schottischen Eisengießerei von Walter Mac-Farlane sowie den Firmen Boucher and Cousland und James Boyd of Paisley umgesetzt. Bemerkenswert an seinem Konzept ist die extreme Reduzierung der tragenden Konstruktion. Die ausgesprochen schlanken Sprossen der großen Glaskuppel werden nur von ringförmigen Balken getragen, ohne weitere Sekundärkonstruktion. Sie liegen mit den Glasscheiben in einer Ebene und bilden mit diesen eine selbsttragende, in sich weitgehend steife Dachhaut. Kaum ein anderes heute noch erhaltenes Gewächshaus zeigt eine derartige Kühnheit und Filigranität.
Das große Glashaus (Grande Serre), im Westen von Paris und am Rande des Bois du Boulogne gelegen, wird zwischen 1895 und 1898 von Jean-Camille Formigé in einem damals über 100 Jahre alten botanischen Garten an Stelle älterer Gewächshäuser errichtet. Im Vergleich mit anderen Beispielen seiner Zeit zeichnet es sich durch klare, abgerundete Formen aus und ist doch insgesamt mit einer sehr dezenten schmiedeeisernen Ornamentik versehen, die bereits Anklänge an den Jugendstil zeigt. Alle Eisenteile sind mit einer matten, grünblauen Farbe lackiert und wirken beinahe weltentrückt. Und auch die Verglasung zeigt einen besonderen Effekt. Erstellt aus rauem Gussglas gibt sie sich mehr durchscheinend als durchsichtig – der an sich unsichtbare Baustoff Glas wird materialisiert. Ein Effekt, den gelegentlich auch die klar verglasten Palmenhäuser anderswo erkennen lassen. Dann nämlich, wenn die auf höchste Transparenz ausgerichteten gläsernen Hüllen durch Kondenswasser beschlagen und die unterschiedlichsten Schattierungen von Transluzenz demonstrieren.
