Chipperfield: Damit will ich sagen, dass zeitgenössische Architektur oft darauf fixiert ist, innovativ zu sein. Das ist zwar ein zulässiges Motiv, aber Innovationen ergeben doch nur dann einen Sinn, wenn sie in ein Geflecht von Bewährtem eingebunden sind. Deshalb denke ich, dass Erfindungen und Innovationen innerhalb eines kontinuierlichen Prozesses stattfinden sollten – und man nicht bei Null beginnen muss.
Detail: Sie sprechen aber nicht von Tradition?
Chipperfield: Nein, jedoch besteht das tiefe Bedürfnis jedes Menschen, in die eigene Geschichte oder in Traditionen verwurzelt zu sein. Man muss Dinge zuordnen können, geschichtlich und auch im Hinblick auf den Ort. Es mag zwar eine abstrakte Idee sein, aber ich denke, es ist immens wichtig, dass die Menschen auch verstehen, welche Gedanken hinter einem Gebäude stecken.
Detail: Ist das auch ein Grund, weshalb Sie gerne unbehandelte Materialien einsetzen?
Chipperfield: Materialien können auch helfen Erinnerungen wachzurufen oder bestimmte Bedeutungen zu vermitteln. Das ist ganz offensichtlich: Manche Materialien haben eine eigene Erinnerung, eine eigene Geschichte. Und jedes Material hat eine eigene Charakteristik. Die Materialwahl zwingt oft dazu, sich mit konventionellen Themen auseinanderzusetzen. Einerseits bietet z. Mauerwerk ganz spezifische Möglichkeiten, weil es so kleinteilig ist. Andererseits bleibt nicht viel Spielraum für Neues. Wir wählen die Materialien nach ganz verschiedenen Ansätzen aus: Das hat mit Atmosphäre zu tun, mit Intuition und manchmal auch mit Begeisterung: »Das ist schön, warum nehmen wir nicht dieses Material?« Natürlich versuchen wir immer, eine Verbindung zwischen der Wahl der Baustoffe und dem Konzept des Gebäudes herzustellen. So wollten wir für die Bibliothek in Des Moines eine starke Transparenz zwischen Innen und Außen erzeugen und mussten die Bücher doch gleichzeitig vor der Sonne schützen. Wir wählten ein in den Scheibenzwischenraum eingelegtes Kupfergewebe. Durch diesen fest eingebauten Sonnenschutz entsteht eine homogene Hülle. Für diesen Zweck war es das perfekte Material.
Detail: Sie haben außer ein paar Wohnhäusern und einem Bürogebäude in Hamburg nur wenige Gebäude in Mauerwerk realisiert. Auch bei Ihren Kollegen erfreut es sich derzeit keiner großen Beliebtheit. Ist Ziegel aus der Mode geraten?
Chipperfield: Nein, aus der Mode geraten ist er nicht. Wir bauen auch zurzeit mit Ziegel. Im Neuen Museum in Berlin setzen wir viel davon ein: Mauerwerk hat eine großartige Textur, eine fantastische Haptik. Es ist einerseits sinnlich und kann gleichzeitig sehr roh sein. Aber es birgt auch Probleme in sich: Mauerwerk unterliegt enormen ökonomischen und technischen Anforderungen – das ist für moderne Konstruktionsweisen eigentlich normal. Jedoch wird Mauerwerk immer noch als traditionelles, zeitloses und einfaches Baumaterial wahrgenommen, das sehr schön altert. Und das ist der Widerspruch. Man kann zwar immer noch wunderbare, authentische Wände mauern, die nur sehr wenige oder gar keine Dehnungsfugen haben. Aber der Aufwand die Bauvorschriften einzuhalten ist gestiegen. Auch kann man nur sehr selten massive, also sehr dicke Mauerwerkswände bauen, die statisch und thermisch den Anforderungen genügen, denn sie benötigen viel Platz und treiben die Baukosten in die Höhe.
Im Wohnhaus in Berlin haben wir für einen wunderschönen, handgemachten Ziegel gekämpft. Er ist kunstvoll Stein für Stein aufeinandergesetzt. Die Maurer mochten den Ziegel nicht, weil jeder Stein ein anderes Maß hat. Aber bei kleineren Baumaßnahmen ist es leichter sich durchzusetzen, bei einem Bürogebäude sind einem durch eng gesteckte Verträge meist die Hände gebunden. Auch wird um Kosten zu drücken oft billiges Material verwendet. Ehrlich gesagt macht es mich nervös, wenn ich für ein Gebäude Mauerwerk wähle. Im Entwurf hat man noch die schöne Textur vor Augen, das homogene Spiel der Farben. Aber ein Mauerwerksbau kann so leicht schief gehen und dann gewöhnlich aussehen. Die Firma verwendet einen schlechten industriellen Stein, mit scharfen Kanten und gleichmäßig fahler Farbe, dann mauert sie nicht gut und plötzlich ist die Realität so ganz anders als das Bild in deinem Kopf.
Detail: Sie bauen auf der ganzen Welt. Wie beeinflussen kulturelle und geschichtliche Hintergründe eines Landes Ihre Entwürfe?
Chipperfield: Wir versuchen immer auszuloten, welche architektonischen Potenziale ein Ort bietet. Das kann sich auf die Wahl des Materials beziehen, in der Schweiz kann zum Beispiel Beton eine gute Wahl sein, weil sie dort viel damit bauen, während Beton in den Vereinigten Staaten keine gute Idee wäre, denn dort herrscht eine große Ablehnung gegen diesen Baustoff. Das Bauen in Amerika beruht sehr stark auf vorgefertigten Produkten. Auch Mauerwerk könnte man dort nur auf eine oberflächliche Art und Weise einsetzen, als vorgeblendete Kulisse, so wie Venturi das gemacht hat. Aber auch das Klima spielt eine Rolle. In einem heißen Land ist es sinnvoller massiv zu bauen. Dabei muss man nicht die regional vorhandenen Baustoffe verwenden, man kann genauso einen bewussten Kontrapunkt setzen. Für das Wohnhaus in Berlin hielt ich den Ziegel für richtig. Ich wollte ihn nicht verputzen, weil der Putz, den wir heute verwenden, so leblos ist. Der Ziegel ist meiner Meinung nach ideal für ein Wohngebäude – technisch und auch im Hinblick auf die Atmosphäre, die er vermittelt.
Detail: Ihr Büro ist stetig gewachsen. Wie stellen Sie sicher, dass die Qualität Ihrer Projekte erhalten bleibt, auch wenn Sie sich selbst nicht mehr im selben Maß einbringen können wie früher?
Chipperfield: Das ist ein ständiger Kampf, eine ständige Herausforderung. Man hat die Wahl: Entweder sitzt man auf jedem einzelnen Projekt, kann dann aber nur wenige bewältigen, man betreibt ein kleines Atelier und arbeitet ausgewählte Bauten von vorne bis hinten durch. Weil wir aber in England nur wenige Aufträge bekommen, liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit andernorts. Wir mussten ins Ausland, um Aufträge zu akquirieren. Für ein kleines Atelier ist es jedoch schwierig, international tätig zu sein. Daher stehen wir in einem Konflikt: Einerseits versuche ich eine Atelier-Atmosphäre zu erhalten, trotzdem kann ich natürlich nicht allen Aufgaben gleichermaßen die volle Aufmerksamkeit widmen. Die Gefahr besteht, dass die Qualität nicht immer dieselbe ist, aber ich hoffe, das ist nicht zu oft der Fall. Also wie gesagt, wir versuchen weiterhin, dieses Atelier zu betreiben, allerdings eines, das Projekte in zehn verschiedenen Ländern bearbeitet.
Detail: Für englische Architekten ist es ganz normal im Ausland zu arbeiten. Der internationale Ruf deutscher Architekten ist hingegen eher unbedeutend. Woran liegt das?
Chipperfield: Aber es gibt doch deutsche Architekten, die im Ausland bauen: Kollhoff baut einige sehr schöne Sachen in Holland, Sauerbruch Hutton, Bolles Wilson .
Ein Grund dafür, dass es nicht so viele sind, ist vielleicht, dass es in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren genug Arbeit für Architekten gab. Die Situation hat sich erst in den letzten vier, fünf Jahren geändert. Deshalb bestand für deutsche Architekten bislang keine Notwendigkeit, sich nach außen zu orientieren. Ich aber musste ins Ausland. Ich bekomme in England immer noch wenige Aufträge. Die Situation ist hier in den letzten Jahren zwar ein bisschen besser geworden, aber interessante kulturelle oder öffentliche Bauaufgaben wie Schulen, Bibliotheken oder Museen sind immer noch selten. In Deutschland hingegen gab es viele solcher Projekte, von Kriegsende bis in die späten 90er-Jahre.
Detail: Hier in England hingegen haben Sie in den 90er-Jahren die Rezession miterlebt. Wie sind Sie mit der Situation damals umgegangen?
Chipperfield: Ich bin nach Japan gegangen. Das erste Haus, das ich gebaut habe, steht dort. Vier Jahre lang bin ich immer wieder dorthin geflogen, bis ich kleinere Aufträge erhielt. Anfangs baute ich nur Läden um. Beruflich hat mich diese Zeit nicht vorwärts gebracht, aber es war eine wertvolle persönliche Erfahrung. Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen, aber damals wurde ich mit dem Wissen groß, dass ich weg musste, um Arbeit zu bekommen. Das hat meine Einstellung geprägt.
Detail: Haben Sie diese Aufträge durch persönliche Kontakte bekommen?
Chipperfield: In Japan schon. In Europa bekommen wir die Aufträge meist durch Wettbewerbe. In England sind Wettbewerbe für bedeutende Projekte allerdings eher selten, das ist ein Problem.
Detail: Besteht hier zwischen Deutschen und Briten ein Unterschied in der Mentalität?
Chipperfield: Das ist schon möglich, beim Neuen Museum in Berlin war wahrscheinlich genau dieser Unterschied unser Vorteil. Ich stelle immer wieder fest, dass deutsche Architekten häufig unflexibler sind, das hat wahrscheinlich auch mit ihrer Ausbildung zu tun. Man hört dort viel öfter: »Das ist meine Idee und die muss so bleiben«, während wir sagen: »Das gefällt Ihnen nicht? Dann versuchen wir einen anderen Weg.« Wir sind mit dieser Art sehr erfolgreich und natürlich hatten wir auch Glück, so viele Aufträge in Deutschland zu bekommen.
Detail: Haben der Kampf ums Überleben und wirtschaftliche Not auch positive Aspekte?
Chipperfield: Absolut! In wirtschaftlicher Not wächst die Kreativität. Es ist eine große Gefahr, wenn zu viel Arbeit da ist. Das beunruhigt mich manchmal, denn oft machen wir zu viele Wettbewerbe, zu viele Projekte gleichzeitig. Das Positive an einer wirtschaftlichen Notlage ist nicht, dass man mehr Zeit zur Verfügung hat, sondern dass sie ein Auslöser dafür sein kann, über Dinge grundsätzlich nachzudenken, sie zu hinterfragen, zu überlegen, wie man manches besser anpacken kann. Trotzdem glaube ich, dass gute Architekten von ökonomischen Schwankungen sehr viel weniger betroffen sind als andere. Es gibt immer einen Platz für gute Architektur, wie auch für gute Restaurants und gute Filme.
Detail: Viele Bauten, die derzeit entstehen, sind sehr expressiv. Wie beurteilen Sie diese neue Architektur und wie sehen Sie ihren Stellenwert in der Zukunft?
Chipperfield: Gute Gebäude werden in der Zukunft ebenso bedeutend sein wie sie es in der Gegenwart sind. Das Guggenheim-Museum in Bilbao wird in 100 Jahren noch genauso geschätzt werden wie jetzt. Ähnlich wie die Bauten von Gaudí in Barcelona, die auch heute noch gefallen. Es fällt leicht zu sagen, dass Gebäude modisch sind und dass man sie in 100 Jahren nicht mehr sehen kann. Womöglich kann man sie nach zehn oder fünfzehn Jahren nicht mehr sehen, aber wenn sie diese kritische Zeit überdauert haben, sind sie wieder gut. Wenn ich durch die Stadt laufe, sehe ich manchmal Gebäude, die irgendwie lustig sind oder auch seltsam, und trotzdem mag ich sie. Im Moment entstehen da draußen sehr interessante Sachen auf hohem Niveau. Man spürt den Enthusiasmus, die Lust auf Abenteuer, wenn es um die Findung neuer Formen geht. Das ist eine sehr positive Entwicklung, auch wenn die Gefahr besteht, dass eine Generation heranwächst, die die Form zu sehr in den Vordergrund stellt. Wir verwenden neue Formen hingegen eher als Mittel, um eine Idee zu verfolgen. Aber unsere architektonische Grundhaltung ändert sich dadurch nicht. Ich würde nicht sagen: »Komm, lass uns ein auffällig geformtes Haus entwerfen«. Das ist nicht interessant, aber es ist interessant, ein Gebäude zu entwerfen, das identifizierbar ist und dabei auf lockere Weise mit Formen umgeht.
Auch wenn es nicht meiner architektonischen Auffassung entspricht, finde ich gut, dass Architekten wie Zaha Hadid die Umsetzung von Formen sehr weit treiben, denn dadurch steigt auch die Akzeptanz gegenüber Lösungen, die man vor zehn Jahren noch gar nicht hätte vorschlagen können. So erwarten die Leute mehr von der Architektur und sie fordern auch mehr von ihr.
Detail: Dennoch haben viele Menschen mit zeitgenössischer Architektur ihre Probleme.
Chipperfield: Das glaube ich gar nicht. Ich denke, das ist komplexer. Vielleicht hat es damit zu tun, dass hier in England Architektur gerne als Markenzeichen verwendet wird. Jedes Museum ist eine Art Weltneuheit. Man baut sich eine Ikone, sonst ist es nicht Architektur. Das ist ein bisschen das Problem, denn das Augenmerk liegt darauf, dass die Leute über das neue Haus reden; ob es ihnen gefällt, ist gar nicht so wichtig. Wir sollen also Gebäude entwerfen, die sehr individuell und damit leicht wiederzuerkennen sind – genau das Gegenteil hat man uns in der Uni beigebracht: nicht von einem Stil besessen zu sein, sich nicht nur damit zu beschäftigen wie etwas aussieht und dafür Dinge zu tun, die unvernünftig sind. Heute aber ist die Sachlage anders: Die Anerkennung eines Architekten wird an seiner Überzeugungskraft gemessen. Wenn jemand seinen Bauherren überredet hat, etwas zu bauen, hat er etwas erreicht. Das kann der dümmste Entwurf sein, den man sich vorstellen kann, ein Haus auf einer Stütze oder sonst irgendein Unsinn, aber wenn der Bauherr mitmacht, bist du anerkannt in unserer Gesellschaft. Als ich an der Uni war, hieß es: »Der Entwurf taugt nichts, er verschwendet Ressourcen und bringt uns nicht vorwärts«. Aber in unserer Welt der Neuigkeiten und Ikonen gelten andere Kriterien. Es ist wie in der Werbung, etwas wird im Fernsehen gezeigt und die Leute reden darüber – das ist es, was uns alle lenkt.
Detail: Für Ihre Architektur gilt das ja nicht.
Chipperfield: Nein, wir bemühen uns eine Architektur zu machen, die intelligent ist. Aber ich muss zugeben, dass eine Umgebung voller architektonischer Feuerwerke mich auch beeinflusst. Und ehrlich gesagt, lässt man sich beeinflussen, denn man konkurriert ja mit dieser Art von Architektur. Das hat auch etwas Positives: Ich bin dadurch offener geworden und ziehe mehr Möglichkeiten in Betracht, wenn ich Räume entwerfe, an Materialien denke und mir die Lenkung des Tageslichts überlege. Das sind immer noch dieselben Leidenschaften, aber ich fühle mich jetzt wohler, wenn ich einen Raum zeichne, der nicht unbedingt rechteckig ist. Vor zehn Jahren hätte ich den Raum schon irgendwie in ein Rechteck gebracht. Aber jetzt bin ich eigentlich glücklicher, denn man kann auch anders schöne Räume schaffen, die komplex sind und in denen die Materialien und die Lichtstimmungen trotzdem passen. Das hat natürlich auch mit Erfahrung und Selbstvertrauen zu tun. Architekten wie Zaha Hadid spielen ein völlig anderes Spiel. Sie bedient einen Markt, der eben diese expressive Architektur will. In dieser Architektur sehen sich die Bauherren repräsentiert. Das ist sehr spannend, aber wenn man ehrlich ist, ist eigentlich alles doch nur aus unbiegsamem Stahlbeton.
Detail: Lassen Sie uns vom Neuen Museum in Berlin sprechen. Sie standen in der deutschen Presse in der Kritik, zu unentschlossen zu sein. Wie wirkt sich solche Kritik auf Sie aus?
Chipperfield: Sie wirkt sich gar nicht aus. Wir haben neun Jahre damit verbracht, über dieses Projekt nachzudenken. Wir haben mit unwahrscheinlich vielen Leuten zusammengearbeitet: dem Denkmalamt, den Museumsdirektoren und dem Landesdenkmalrat. Natürlich gibt es Stimmen, die das alte Gebäude, wie es Friedrich August Stüler 1859 gebaut hat, eins zu eins rekonstruieren wollen. Aber das wäre vollkommen falsch. Sie brauchen sich nur die Restaurierung des Alten Museums nach dem Krieg anzuschauen – ein Desaster. Selbst wenn man das Neue Museum heute genauso hätte wieder aufbauen können wie damals und man keinen Unterschied zu einem historischen Gebäude feststellen könnte, wäre es doch eine seltsame Vorstellung, das zu tun. Stülers Museum war 60 Jahre lang eine Ruine – man kann das mit Pompeji vergleichen – und dann versucht man, den Ursprung wieder herzustellen, so als wäre die Vergangenheit nie passiert .Das ist doch fragwürdig! Wäre das Gebäude 1997 durch ein Feuer zerstört worden, hätte man es unmittelbar danach nach altem Vorbild wieder aufbauen können, denn es ergibt keinen Sinn, einen Unfall zu verewigen. Aber das Neue Museum wurde im Krieg zerstört und es blieb aufgrund einer Folge geschichtlicher Ereignisse fast genauso lange eine Ruine, wie es ein Museum war. Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir mit diesem Erbe umgehen. Nur wenig Bausubstanz ist erhal-ten geblieben, und der Zeitpunkt der Zerstö-rung liegt weit zurück. Und je weiter dieses historische Ereignis zurückliegt, desto wich-tiger wird es, die Erinnerung an die Zerstörung zu bewahren. Hätte ich den Auftrag 1958 bekommen, hätte ich das Museum wahrscheinlich auch rekonstruiert. Denn auch ich wollte mich nicht an den Krieg erinnern. Aber ich habe den Krieg nicht erlebt. Deshalb sehe ich die Ruine als einen Teil der Geschichte und nicht als persönliche Erinnerung.
Detail: Es hieß auch, ein Engländer könnte diese Bauaufgabe nicht lösen, weil ihm der geschichtliche Bezug fehlt.
Chipperfield: Ich glaube im Gegenteil, dass es gut war, diese Aufgabe einem Engländer zu übertragen. Als das Projekt anfing, waren die Fronten sehr verhärtet. Als Nicht-Deutscher gelang es mir eher, das Gespräch wieder aufzunehmen und eine offene Diskussion anzuregen.
Detail: Ich habe den Eindruck, dass das Neue Museum Ihr Lieblingsprojekt ist. Habe ich Recht?
Chipperfield: Ja, das Neue Museum liegt mir am meisten am Herzen, obwohl ich froh sein werde, wenn das Projekt endlich abgeschlossen ist. Seit neun Jahren begleitet es unser Büro, ist ständig irgendwie präsent. Das Neue Museum zeichnet sich durch ganz unterschiedliche Zerstörungsgrade der einzelnen Räume aus. Wie die einzelnen Räume später aussehen werden, kann man schon erahnen; wie das Gebäude aber in seiner Gesamtheit wirken wird, wenn es 2009 endlich fertig ist, weiß noch keiner so ganz genau. Daher bin ich sehr gespannt und vielleicht auch ein wenig aufgeregt.

