Bis zum ersten Weltkriege wurden beim Kleinwohnungsbau fast nur einfache Fenster ausgeführt, auch in Gegenden, wo ein besserer Kälteschutz auch aus gesundheitlichen Gründen notwendig gewesen wäre. Beim bürgerlichen Wohnungsbau hatte man durch Winterfenster, oder durch Kastenfenster (siehe später), die meist noch im Sommer ausgehängt wurden, die Wirkung des einfachen Fensters verbessert. Beides galt für den „Volkswohnungsbau“ als zu aufwendig. Auch konnte man mit einer pfleglichen Behandlung nicht rechnen und befürchtete wohl, daß die festen Teile zu sehr beansprucht würden, wenn immer vier Flügel statt zwei zu öffnen waren.
Den Gedanken, durch Verdoppeln des Fensterrahmens den Kälteschutz oder die Wärmehaltung zu verbessern, haben wir bereits erwähnt (Tafel 37, 38). Das „Panzerfenster“, wie auch das „Trockenfenster“ von Spengler [11], kann man als Verbundfenster bezeichnen, weil hier die beiden Flügel miteinander verbunden einen gemeinsamen Drehpunkt haben.
Vor 40 Jahren hat Richard Riemerschmid in der Gartenstadt Hellerau ein Verbundfenster ausgeführt (Tafel 45), bei dem aber im Unterschied zum Panzerfenster der zweite Flügel nicht innen, sondern außen auf den Hauptflügel aufgesetzt war. Dadurch wurde die Falztiefe stark vergrößert, die Luftdichtigkeit also, im Gegensatz zur Wärmehaltung, nur unwesentlich verbessert. Auch zieht sich beim Schwinden der Flügelhölzer das Holz auf den inneren Drehpunkt zusammen und der äußere Falzanschlag geht auf.
Bei dem Hellerauer Verbundfenster wird darüber allerdings nicht geklagt, es hat sich gut bewährt. Das dürfte aber eher an der besonders guten Arbeit des Tischlers liegen und der vorzüglichen Holzqualität, die sich feststellen lassen.
Die Erfahrungen an weniger guten Ausführungen, mit denen man im allgemeinen rechnen muß, haben den Architekten Josef Lang in Pasing, einen Mitarbeiter Riemerschmids, gegen Ende des ersten Weltkrieges, als genau wie heute der Kälteschutz besonders wichtig wurde, zur Entwicklung des Fensters veranlaßt, das wir auf den Tafeln 46-48 zeigen (siehe auch Tafel 63).
Auch hier ist ein zweiter Flügel, nur schwächer, außen an den Hauptflügel angeschlagen und in einer Weise. überfälzt, daß das Schwindmaß der beiden Flügel zusammengenommen möglichst gering bleibt. Eine Dichtungsleiste, 23/28 mm stark, wird erst angebracht, nachdem die Flügel angeschlagen sind. Dadurch wird erreicht, daß die drei Falzanschläge wirklich gut schließen. Auch beim Wetterschenkel sorgt eine entsprechende, zuletzt angebrachte kalt verleimte und geschraubte Dichtungsleiste für einen guten Abschluß.
Beim aufgehenden Mittelstück (Tafel 46, 2) sind die Flügel durch eine Einreiberkupplung besonders verbunden, für die es verschiedene Bauarten gibt.
Josef Lang hat sein Fenster im Jahre 1921 im Laboratorium für technische Physik an der Technischen Hochschule München untersuchen und mit einem einfachen Fenster sowie mit einem normalen Kastenfenster vergleichen lassen. Dabei ergab sich, daß der Wärmeverlust schon bei ruhender Luft, aber noch mehr bei Wind geringer war als bei dem Kastenfenster (wobei dieses schon viel günstiger ist als das Einfachfenster). Besonders wichtig erscheint aber, daß bei zunehmendem Druckunterschied, also bei stärkerem Wind, gerade beim Langfenster der Wärmeverlust zunehmend langsamer ansteigt, woraus man schließen kann, daß auch hier Wirbelströmungen hemmend wirken. Offenbar sind dafür die beim Langfenster vorhandenen Hohlräume im Falz besonders günstig.
Über eine andere Untersuchung des gleichen Instituts berichtet H. Hausen [38]. Der Lichtverlust durch das Holzwerk ist etwa 20% geringer als beim Kastenfenster. Wir werden darauf später noch zurückkommen.
Eine Werbeschrift weist auch auf die Raumersparnis beim Transport und die Gewichtsersparnis gegenüber dem Kastenfenster hin. Die Herstellungskosten seien etwa die gleichen.
Das Langfenster hat sich im Umkreise Oberbayerns gut eingeführt. Es ist aber heute in Vergessenheit geraten, weil es nicht einfach genug herzustellen ist. Auch mag die Lizenzgebühr hinderlich sein.
Wir wissen heute aus zahlreichen Versuchen [23], daß der Wärmeschutz einer ruhenden Luftschicht bis zu etwa 6 cm Stärke zu-, dann aber langsam wieder abnimmt, weil die Luftbewegung dann einen Temperaturausgleich begünstigt. So könnte theoretisch in dieser Beziehung eine andere Verbundfensterbauart, das „Wagnerfenster“, noch besser erscheinen. Sein Scheibenabstand beträgt etwa 5 cm, gegen 3 1/2 cm beim Langfenster.
Dieses Fenster (Tafel 49) ist in Südbayern heute das am besten eingeführte Verbundfenster, besonders auch auf dem Lande. Es ist gekennzeichnet durch sein dreiteiliges Fischband. Von den drei Lappen hält der untere den Stift im Rahmen fest, der mittlere ist dreimal gekröpft und an den äußeren Flügel geschraubt, der obere hält den inneren Flügel. Vier Falzdichtungen sollten eine gute Dichtung gewährleisten, schließen aber natürlich niemals gleichzeitig dicht. Es gehört eine große Genauigkeit dazu, die Fälze nach der Kröpfung der gelieferten Bandlappen zu arbeiten und diese richtig anzuschlagen. Ein Vorteil ist der Abstand von 4 mm zwischen den Flügeln, wodurch ein Zusammenkleben verhindert wird. Das Fenster ist im Holzwerk einfach zu arbeiten, darum ist es wohl so beliebt. Auf große Dichtigkeit legt man auf dem Lande keinen so großen Wert. Die Schwitzwasserbildung ist jedenfalls verringert. Die Kupplung der Flügel ist ebenso einfach wie beim Langfenster, der Lichtverlust eher noch geringer (darüber wird später noch berichtet).
In einer vereinfachten Ausführung nach Tafel 50 und 51 (siehe auch Tafel 64), hat sich das Wagnerfenster gut bewährt, allerdings mehr bei Schulen und Verwaltungsgebäuden. Die drei Fälze dichten bei einigermaßen guter Arbeit nicht schlechter als die vier der gewöhnlichen Bauart. Der Mittellappen des Wagnerbandes ist aber nur zwei Mal gekröpft. Der Holzverbrauch ist, gleiche Scheibenfläche vorausgesetzt, etwas geringer als bei der gewöhnlichen Ausführung, aber doch größer als beim Langfenster. Die Nachteile des Wagnerfensters suchen zwei württembergische Bauarten zu vermeiden:
Das Fenster der Firma Schmid in Blaubeuren und das „Rekord“-Fenster der Firma Neuffer in Stuttgart (Tafel 52, 53). Sie sind typisch für eine Anzahl ähnlicher Fenster, die gemeinsam haben: die dicht aufeinander liegenden Flügel, die durch eine Fälzung oder durch Dübel in ihrer Lage unverschieblich festgehalten sind. Der innere Flügel ist mit einem gewöhnlichen Fischband am Stock angeschlagen, der äußere durch ein eigenes, kleineres Band am inneren Flügel angehängt.
Tafel 52 und 53 zeigen das „Rekord“-Fenster, das seitlich eine verbesserte Falzdichtung hat (Tafel 52, 1).
Die Wärmehaltung ist gut (4 cm Scheibenabstand), die Luftdichtigkeit sicher nicht schlechter als beim Wagnerfenster, gleiche Ausführungsgüte vorausgesetzt. Ein Nachteil sind die dicht aufeinanderliegenden Flügelrahmen.
Dieser Nachteil ist vermieden beim Verbundfenster System „Kardo“ der Firma Wender & Dürholt (Tafel 54 u. 65). Die Flügel drehen sich in gewöhnlichen Fischbändern, die den inneren Flügel am Rahmen festhalten, während der äußere Flügel mit 6 cm Scheibenabstand an den Seiten durch verstellbare Bänder, in der Mitte durch verstellbare Kupplungen, mit dem inneren so verbunden ist, daß er beim Schwinden nachgestellt, zum Reinigen geöffnet und leicht ausgehängt werden kann.
Teilweise haben sich diese Fenster gut eingeführt, wohl vor allem deshalb, weil sie meistens von öffentlichen Bauträgern in Auftrag gegeben und von großen, gut eingeführten Firmen ausgeführt wurden. Immer wieder zeigt sich, daß eine gut durchdachte Fensterbauart nur dann auch hält, was sie theoretisch verspricht, wenn das verwendete Holz und die Güte der Ausführung auf gleicher Höhe stehen. Dadurch sichern sich große Firmen einen Vorsprung (schon weil sie eine wirkungsvolle Werbung betreiben). Das äußert sich natürlich auch in den Preisen. Beim Kleinwohnungsfenster aber kommt es darauf an, daß es auch von einfacher eingerichteten Handwerkern in gleicher Güte hergestellt werden kann wie in großen Fabriken, und von diesen mit um so größerem Vorteil. Dies ist bei den meisten Verbundfenstern noch nicht in genügendem Maße der Fall. Sie sind deshalb nicht unwesentlich teurer als andere einfachere Bauarten.
Ein Nachteil ist schon der schwere Blockrahmen, der viel Holz verbraucht. Er wird zweckmäßigerweise aus mehreren Teilen verleimt, damit er nicht reißt. An ihm liegt es wohl, wenn sich die Verbundfenster in Nord- und Mitteldeutschland nicht einbürgern konnten; sie blieben, trotz mancher Vorteile, auf das Gebiet des Stockfensters, auf Süddeutschland beschränkt.
[11] Viehweger, E.; Tischlerarbeiten I und II, 2. Auflage, Berlin 1914.
[23] Cammerer, I., S.; Konstruktive Grundlagen des Wärme- und Kälteschutzes in Wohn- und Industriebauten, Berlin 1936.
[38] Hausen, H.; Die Lichtdurchlässigkeit von Doppelfenstern. Zeitschrift für technische Physik 1922, S. 173.

